
Die Mauer darüber ist weiß. Darunter gelb. Dazwischen Ohnmacht. Die Tür steht weit offen. Gibt den Blick frei auf die Küche dahinter. Es ist kein einladendes Offen stehen. Mehr das wütende Verlassen des Hauses, bei dem man vor Wut vergessen hat die Tür laut hinter sich zu zuschlagen. So laut, dass es jemand hört. Jemand der reagiert. Der hilft. Die Küche ist vergilbt. Leer. Es lässt sich nur erahnen wie hier die Familie zusammen zu Abend aß. Die Kinder lachend von den Schulerlebnissen erzählten. Die Eltern müde zuhörten, in Gedanken bei der To-do liste in ihrem Kalender. Das Dach ist noch ganz. Das Dach daneben hängt weit nach unten. Es verhüllt was dahinter steckt, doch das klaffende Loch lässt erahnen, dass nicht viel ganz geblieben war. Eine Schlammschicht überzieht die Straße. Man konnte noch die Spuren der Reifen des kleinen Lieferwagen erahnen, der den nahe gelegene Supermarkt belieferte. Die Spuren von Kindern auf Rollern, die sich Verabschiedungen zuriefen. Dazwischen schmale Rollatorspuren, die am Weg zur Apotheke inne gehalten hatten um die Nachbarin zu grüßen. Sich über die brühende Hitze zu beklagen. Am Rand die Spuren von Straßenhunden, auf der Suche nach Nahrung. Sie suchen vergebens. Es ist heiß und trocken. Die Luft modrig. Zu modrig für die heißen Temperaturen. Der süßliche Geruch von Verwesung. Die Tankstelle scheint ein kleines Geschäft gehabt zu haben. Eines in dem man spät abends noch ein Getränk kaufen kann oder Zigaretten. Wo man Sonntags noch die Milch fürs Frühstück holen kann. Jetzt ist nur ein Ventilator zu erkennen, durch die zerbrochene Scheibe hindurch. Als würde der Lufthauch den er verursachte all den Schmerz wegblasen. Alles wieder ganz machen. Dabei erreicht er nicht einmal die Wände des leeren Raumes. Geschweige denn die 3 Matratzen und das Sofa, die zwei Häuser weiter aufgeschichtet sind. Ein Teddybär hängt Kopf über von der obersten Matratze. Ob er wohl einen Namen hat? Vor dem Möbelberg ein Spielzeugtraktor in rot und blau. Wobei die Farben unter dem schlammbraun nur zu erahnen sind. Dieselbe Farbe, die auch das Auto an der Ecke gegenüber ziert. Innen und außen. Ein Fenster ist leicht hinunter gekurbelt, um frische Luft hineinzulassen. Frische Luft, frischen Wind, irgendetwas das alles erträglicher macht. Ein anderes hat einen Sprung. Es steht mitten auf der Straße. Fahren kann es wohl niemand mehr. Zwei Frauen kehren die Straße. Als würden ihre Besenstriche helfen sich nicht so machtlos zu fühlen. Sie schweigen. Ihr Blick ist leer. Ein kleiner Traktor fährt vorbei, sein Anhänger gefüllt mit Schutt. Schutt der vermutlich mal eine Aufgabe hatte. Eine Wand, die gestützt hat. Ein Dach, das geschützt hat. Das Motoren Geräusch schneidet in die Stille. Die Art von Stille die einen verstummen lässt. Die einem noch Stunden später einen kalten Schauer über den Rücken jagt. Das leise Bellen eines Hundes in der Ferne. Vor dem Dorf ein Baumwollfeld. Die Jahresernte steht fein säuberlich in Reih und Glied. Geduldig wartend darauf geerntet und verarbeitet zu werden. Zu wärmenden Pullovern und kuschligen Decken. Über ihren Wurzeln eine Wasserschicht. Die Wolken spiegeln sich in den großen Pfützen. Die weißen Baumwollblüten sind von demselben braun umhüllt wie die Straße. Sie warten vergebens. Das Olivenbaumfeld auf der anderen Straße hat das Warten bereits aufgegeben. Die Blätter meist welk. Einige Äste hängen trostlos zu Boden. Dort wo sie sich gewehrt haben sind kleine Schlammhügel zu sehen. Sie hatten sich mit Sicherheit gewehrt. Sie wollten nicht sterben. Nicht überrannt werden. Nicht zu Boden sacken. Sie hatten so viele Jahre Früchte getragen. Ihre Wurzeln Jahr für Jahr tiefer in den Erdboden geschlungen. Dem Wind und der Sonne standgehalten. Sie wollten auch dem Wasser standhalten. Den Massen, die über die Ufer des Flusses, der sie so oft genährt hatte, getreten waren. Der Fluss schien unerschüttert. Hatte sich beinahe in seine Grenzen zurückgezogen. Nur manchmal schlängelt er sich noch um die Baumstämme an seinen Rändern. Weniger reißend. Fast schon entschuldigend. Das Wasser rinnt unbeirrt weiter Richtung Meer. Über die Trümmer der zerbrochenen Brücke, über die Straße, die zur nächsten Ortschaft führt. Das Bild unverändert. Kleine Häufen von Eigentum vor den Häusern. Schwarze Oberteile über ein Geländer gehängt. Die Sonne soll sie trocknen. Soll ihnen zurückgeben, was ihnen genommen wurde. Eine Aufgabe. Sie zu tragen um einer Arbeit nachzugehen. Sie zu wechseln, wenn man sich abends mit Freunden in der nächstgelegenen Bar traf. Sie abzustreifen wenn man sich abends müde aber glücklich in das frisch bezogene Bett legt. Sie sollen trocknen, damit man sie wieder in den Schrank stapeln kann. Nach Farbe sortiert, um sie auch ja schnell griff bereit zu haben. In jenen Schrank der in Einzelteilen vor dem Gartenzaun liegt. Zwischen ihm zwei zerbrochene Stuhlbeine. Darunter die vergilbten Bilder der Großeltern. Der Wind bewegt die Arme der Pullover. Sie winken. Sie winken um gesehen zu werden. Sie winken um Hilfe. Sie winken vergebens. Das Geschäft liegt in der Mitte der Ortschaft. Die Lieferung stapelt sich in der Mitte des Raumes. Die erste seit Tagen. Die Gänge sind leergefegt. In der Stille kann man beinahe noch das Echo der Schritte hören. Das leise Gemurmel von Einkaufslisten. Die angeregten Diskussionen über das Wetter. Die Rollen des Einkaufswagen auf dem Fliesenboden. Das Klirren der Kasse wenn sie ins Schloss fällt. Ein Mann sitzt auf einem Stuhl. Der Stuhl ist noch ganz. Er lächelt sanft. Ein schmerzvolles Lächeln. Man könnte fast ein klein wenig Zuversicht erkennen.
Dreißig Minuten weiter eine Bar. Angeregte Gespräche an den Tischen davor. Die Straße sauber. Fast zu sauber. Straßenhunde sieht man hier keine. Felsen stützen die Kloster die auf ihnen erbaut wurden. So hoch, dass kein Fluss sie erreichen könnte. Die Auslage der Bäckerei quillt beinahe über. Busse gefüllt mit Menschen. Hände, die Fotoapparate halten. Unzählige Hände. Die Bäume neben der Straße sind grün. Die Erde trocken. In der Bar gibt es Bier. Es gibt auch Wasser. Niemand bestellt Wasser. Bildschirme stehen vor der Bar. Es wird ein Fußballspiel übertragen. Die Oliven schmecken salzig. Sie werden wohl kaum von den Olivenbäumen am Straßenrand sein. Die kleinen Geschäfte verkaufen Postkarten. Die Art von Postkarten, die man seinen Großeltern schickt. Urlaubsgrüße darauf. Eine Kurzbeschreibung des Wetters. Versehen mit einer Postmarke. Vorne verziert mit etwas zu bunten Bildern. Keiner schreibt eine Postkarte über Wasser. Keiner macht Bilder von Schlamm. Das gehört sich nicht. Die Schlange vor der Eisdiele ist lang. Der ein oder andere genervte Blick. Der Pool ist voll. Das Wasser zieht Kreise um die Köpfe die herausschauen. Friedlich. In den Augen keine Spur von Angst. Kleine Wellen schwappen über die Metallränder. Versickern. Die Erde an den Stellen ein bisschen nass. Noch lange nicht gesättigt. Ein Kind springt ins Wasser. Die Tropfen fliegen durch die Luft. Treffen das Gesicht eines Mannes. Verärgertes Rufen. Eine Frau streift sich einen schwarzen Pullover über. Der Ärmel winkt kurz im Wind. Dann wird er vom Arm erfasst. In Form gebracht. Die Ärmel sind trocken. In den Fenstern dahinter spiegelt sich die Abendsonne. Die Fenster sind ganz.
30 Minuten. Zwei Welten. Ein Land. Keine Ausnahme. Irgendwo die Erleichterung nicht bleiben zu müssen. Das Elend nicht ertragen zu müssen. Bleiben zu wollen, um zu helfen. Den Schmerz halbieren zu wollen. Ein Zwiespalt. Dazwischen eine Gewissheit. Hier kann morgen dort sein. Und ihr könnt morgen wir sein. Die Sonne kann uns Verbrennen. Der Wasser uns ertränken. Wir könnten bleiben. Wir könnten helfen. Wir könnten kämpfen. Die Natur um Entschuldigung bitten. Aufhören sie in die Enge zu treiben. Ihre Vergeltungsschläge besänftigen. Die Hand reichen. Die Hand die uns füttert. Die uns schützt. Die Hand die uns schlägt. Ein Schlag weil es zu viel ist. Es wird nicht der letzte Schlag sein. Es ist kein Schlag aus Wut. Eher aus Verzweiflung. Die Art von Verzweiflung die eintritt nachdem man alles versucht hat. Die Schreie ignoriert worden sind. Die Bitten übergangen worden sind. Die Tränen vergossen und wieder getrocknet sind. Die Verzweiflung bei der man sich in Lebensgefahr befindet. Keinen Ausweg mehr sieht. Das nackte Überleben. Notwehr.
Doch wir bleiben nicht. Wir kämpfen nicht. Heute ist dort nicht hier und ihr nicht wir. Und morgen werden unsere Straßenhunde vergeblich nach Nahrung suchen. Unsere Blüten vergeblich auf die Ernte warten. Unsere Ärmel vergeblich winken. Und wir werden bereuen nicht geblieben zu sein. Nichts verändert zu haben. Nicht die Hand ausgestreckt zu haben. Um Vergebung gebeten zu haben. Veränderung braucht Mut. Wir sind feige.
Dreißig Minuten lagen zwischen Realität und Wahnsinn. Zwischen Normalität und Ausnahmezustand. Zwischen Zuversicht und Ausweglosigkeit. Zwischen Leben und Überleben. Zwischen Stabilität und Instabilität. Zwischen Träumen und Albträumen. Zwischen trinken und ertrinken. Minuten, in denen jahrelange Arbeit verschluckt wurde. In denen Erinnerungen ertranken. In denen Träume zersprangen. In denen Zukunft begraben wurde. In der Existenzen nichtexistent wurden. In denen eine Mauer sich gelb färbte. Fast bis unters Dach. Nicht ganz nur bis zum Strich. Dem Strich an der Wand. Doch unterm Strich ist doch alles halb so wild? – oder etwa nicht…
In den betroffenen Gebieten Griechenlands fielen im September 2023 in wenigen Tagen pro Quadratmeter mehr als 790 Liter Wasser vom Himmel. Mehr als in Deutschland in einem ganzen Jahr. Ein Jahr später haben das alle wieder vergessen. Alle außer ihr. Ihr, die Alles verloren habt.